Navigation

Im Gespräch mit dem Vorstand

Der Vorstand der EWE AG: Michael Heidkamp, Vorstand Markt, Stefan Dohler, Vorsitzender des Vorstands, Wolfgang Mücher, Vorstand Finanzen (von links) Der Vorstand der EWE AG: Michael Heidkamp, Vorstand Markt, Stefan Dohler, Vorsitzender des Vorstands, Wolfgang Mücher, Vorstand Finanzen (von links)

Herr Dohler, Sie sind ausgewiesener Energiefachmann mit langjähriger Branchenerfahrung. Seit drei Monaten sind Sie Vorstandsvorsitzender bei EWE. Können Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck vom Unternehmen erinnern?

Stefan Dohler: Schon in den ersten Wochen, in denen ich viel im Geschäftsgebiet gereist bin, hat mich die hohe Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen
beeindruckt. Sie stehen für EWE ein. Damit hängt für mich die große Kundennähe von EWE zusammen. Wir sind immer da und helfen, geht es um Energie oder  Telekommunikation. Das fand ich schon sehr besonders. Außerdem gehört zu meinen ersten Eindrücken die hohe Innovationsbereitschaft der Mitarbeiter. Verankert im Kerngeschäft, geht der Blick immer auch über den Tellerrand hinaus.

Bevor ich Sie bitte, über diesen Tellerrand zu blicken, ein Blick zurück. Die Abberufung des  Vorstandsvorsitzenden und weitere Vakanzen im Vorstand, dazu Korruptionsverdacht bei Tochterunternehmen. Wie geht es EWE in diesen Tagen?

Stefan Dohler: Meine beiden Kollegen Wolfgang Mücher und Michael Heidkamp haben ein hartes und schwieriges Jahr hinter sich. Das war sicherlich eine Leistung, die man auch nicht allzu oft von jemandem erwarten sollte. In dieser Zeit wurden die Vorwürfe aufgearbeitet mit dem Ergebnis, dass sich viele dieser Vorwürfe nicht bewahrheitet haben. Und sie haben für alle Mitarbeiter ein Regelsystem erarbeitet.

Sind Vorschriften das Allheilmittel?

Stefan Dohler: Der für mich wichtigste Punkt ist: Compliance ist ein Kulturthema. Ich kann noch so viele Regeln haben, Compliance findet im Kopf und im Bauch statt.  Hirn einschalten hilft am besten. Bei aller Regelbefolgung, unsere Mitarbeiter sollen sich fragen: Was heißt Compliance hier und jetzt in meiner täglichen Arbeit. Solch  eine Kultur funktioniert nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch Mitnehmen.

Stichwort operatives Geschäft. Im Geschäftsbericht bewerten Sie das aktuelle Jahresergebnis als gut bis zufriedenstellend. Wo haben Sie besser abgeschnitten als erwartet? Und was entwickelte sich weniger gut?

Wolfgang Mücher: Das Jahr 2017 war für EWE ein gutes Geschäftsjahr. Und da 2016 auch ein gutes Geschäftsjahr war, können wir unter dem Strich zufrieden sein. Schauen wir in die einzelnen Sparten: Das Netzgeschäft ist ausgesprochen gut gelaufen. Auch das Windjahr 2017 war gut, im Gasspeichergeschäft gab es hingegen die eine oder andere Belastung. In das Vertriebsgeschäft haben wir bewusst investiert und so konzernweit viele neue Kunden gewonnen. Das hat etwas vom  Operativen EBIT gekostet. Im Tradingbereich haben wir, trotz eines kleinen Einbruchs am Ende, ein hervorragendes Ergebnis erzielt. Unsere Beteiligungen im  Ausland haben sich bei zum Teil sehr herausfordernden Rahmenbedingungen wirtschaftlich besser behauptet, als wir das zu Beginn des Jahres erwarten durften. Und auch die swb hat ein gutes Geschäftsjahr hinter sich gebracht, nicht zuletzt dank der vermiedenen Netzentgelte. Die Situation in der konventionellen Erzeugung machte jedoch eine Wertberichtigung auf die Bremer Kraftwerke erforderlich.

„Das müssen wir gut machen,
und das müssen wir
auch stemmen können.“
Stefan Dohler
Stefan Dohler, Vorsitzender des Vorstands

Was ist mit Ihren fossilen Kraftwerken?

Stefan Dohler: Geht es um fossile Kraftwerke, bin ich froh, dass ich bei EWE bin, weil die großen Kraftwerksbetreiber deutlich mehr unter Druck stehen. Es wird sicher noch eine Weile Überkapazitäten im Markt geben. Im Großhandel werden wir weiteren Preisdruck sehen. Zum Glück haben wir in Bremen Kraftwerke, die langfristig  vermarktet sind, sodass wir dort für zumindest einen Teil der Strommenge diesen Preisdruck nicht unmittelbar spüren.

Und die Erneuerbaren? Kommt EWE mit der geringen Einspeisevergütung, wie sie bei den Ausschreibungen erzielt wird, zurecht?

Stefan Dohler: Erstens: Das Preisniveau erschreckt mich nicht, es hat sich im Wettbewerb gebildet. Zweitens: Unsere Kunden wollen mehr grüne Energie und wir  liefern unseren Kunden das, was sie haben wollen. Drittens: Wir wissen, dass die Bundesregierung sich das Ziel gesetzt hat: bis 2030 65 Prozent Erneuerbare. Ein sehr großer Teil davon wird Wind sein und davon wieder wird ein sehr großer Teil im Nordwesten Deutschlands produziert. Wir können also bei der Windenergie eine  wesentliche Rolle spielen. Deshalb muss es aber nicht unser Ziel sein, möglichst viel Kapital in Windparks anzulegen, stattdessen können wir die Entwicklung, den Bau, den Betrieb und die Integration in das Energiesystem sicherstellen. Das Kapital kann auch von Partnern kommen, etwa von Pensionsfonds oder auch über Bürgerbeteiligungen.

Sind der Verkauf von Strom, Gas und schnellem Internet noch das Kerngeschäft von EWE?

Michael Heidkamp: Wenn man auf das Jahr 2017 zurückblickt, ist die Antwort eindeutig ja. Der größte Teil unserer Kunden kauft die klassischen Produkte. Erfreulich ist, dass wir einen deutlichen Zuwachs an Stromkunden haben. Damit bewegen wir uns gegen den Trend.

Wird das morgen noch genauso sein?

Michael Heidkamp: Wir sind uns sehr sicher, dass die Kernbestandteile unserer Produkte weiterhin Energielieferungen sind. Doch wir beschäftigen uns damit, das,  was man Commodity-Geschäft nennt, zu Dienstleistungen, oder besser Systemdienstleistungen, zusammenzuführen. Wir wollen in der Zukunft unseren Kunden aus  einer Hand alle Produkte rund um das Zuhause anbieten. Die Welt wird für den Kunden immer komplexer, doch wir machen sie wieder einfacher für ihn und gewinnen
dadurch auch Unverwechselbarkeit. Unsere unternehmerische Ausrichtung kann man so zusammenfassen: Wir machen es für den Kunden hell (Strom), wir machen es hell und schnell (Internet), wir machen es hell, schnell und warm (Gas) und wir machen es auch hell, schnell, warm und sicher (Haustechnik). Wir entwickeln einen modularen Produktkasten, bei dem die reine Energielieferung nicht mehr im Fokus steht. Wir arbeiten dazu an einer neuen IT-Plattform, und werden so auch morgen wettbewerbsfähig sein.

„Wir bringen Wertschöpfung
in die Region.“
Michael Heidkamp, Vorstand Markt
Michael Heidkamp, Vorstand Markt

Welche Rolle spielt Regionalität im Geschäftsmodell von EWE?
Michael Heidkamp:
Die Menschen, die in der Region wohnen, sind zu einem sehr großen Teil unsere Kunden. Und das soll auch so bleiben. Für diese Kunden ist  Regionalität wichtig, das sehen wir daran, dass die Besuchsfrequenz in unseren Shops zunimmt. Außerdem bringen wir Wertschöpfung in die Region. Wir investieren 1,2 Milliarden Euro in den Ausbau des Glasfasernetzes und machen die Region dadurch schnell. Wir sorgen dafür, dass die ländlichen Räume vor unserer Haustür nicht abgehängt werden.

Wie passen Ihre Aktivitäten in Polen und der Türkei zur Regionalität?
Michael Heidkamp:
Regionalität ist für uns nicht alles. Wir suchen auch Geschäftschancen in neuen Märkten. Wir haben eine Geschäftsregion in Brandenburg und auf Rügen und wir bedienen einen Markt in Polen. Polen ist das Land in Mittelosteuropa mit dem höchsten Wirtschaftswachstum. Bis 2024 sind dort die normalen Haushalte zwar noch in der Tarifgenehmigung, aber bereits heute ist der Wettbewerb um Geschäftskunden frei. Die Dinge, die wir hier in unserem Heimatmarkt schon sehr gut machen, die werden wir exportieren.

Wolfgang Mücher, Vorstand Finanzen
Wolfgang Mücher, Vorstand Finanzen

Wie entwickelt sich das Geschäft in der Türkei?

Wolfgang Mücher: Die Kollegen in der Türkei haben sehr gute Arbeit gemacht. Das Geschäft hat aber unter der Währungsentwicklung gelitten: Die Gaspreise für die  Kunden sind in lokaler Währung und de facto staatlich festgelegt, die Beschaffung orientiert sich aber am Ölpreis und wird in Dollar abgerechnet. Es ist eben  auch ein Geschäft, das aus Deutschland heraus schwierig zu steuern ist.

Und wie wird das Geschäftsjahr 2018?

Wolfgang Mücher: Herausfordernd ist das Thema Investition. Wir haben eine Vielzahl von Investitionen vor uns. Marktraumumstellung, Glasfasernetzausbau, Stromnetzausbau und neue Geschäftsmodelle. Auch werden regulatorische Effekte unser Ergebnis im Netzbetrieb 2018 deutlich nach unten drücken. Trotzdem fühlen wir uns gut aufgestellt, wissen aber, dass wir weitere Effizienzen heben müssen.

Herr Dohler, Sie sind in Ihrem früheren Berufsleben unter anderem zur See gefahren. Ihr Blick auf EWE heute: in ruhigem Fahrwasser oder vor einer Kurskorrektur?

Stefan Dohler: Das vergangene Jahr war stürmisch. Doch das Schiff ist hochseetüchtig, robust und stabil. Das ist das Verdienst der Mannschaft, die, wir sprachen schon darüber, einen extrem guten Job gemacht hat. Bald ist der Vorstand komplett und dann werden wir gemeinsam die aktuelle, zwei Jahre alte Strategie mit den neuen Erkenntnissen aus dem Markt abgleichen. Unser Ziel ist, im Sommer mit dem neuen – oder genauer adjustierten – Kurs an die Öffentlichkeit zu treten.

Können Sie schon jetzt zumindest etwas über die grobe Richtung der
Kursanpassung sagen?

Stefan Dohler: Ein Fokus wird sein, Kollege Heidkamp hat schon darauf hingewiesen, uns stark an den Bedürfnissen unserer Kunden zu orientieren. Wir wollen nicht der Welt verkünden, was die Welt braucht – das funktioniert heute so nicht mehr. Wir werden in den kommenden Wochen daher viel zuhören, um dann zwei Fragen  zu beantworten: Sind wir im Bestandsgeschäft so gut, wie wir glauben? Was können wir in diesem Geschäft, das ja unsere Zukunft trägt, noch besser machen? Und die zweite Frage ist: Mit welcher Geschwindigkeit treiben wir Innovation voran, etwa wenn es um die Ergebnisse aus dem Modellprojekt enera oder unsere hohen  Investitionen ins Glasfasernetz geht? Das braucht unternehmerischen Mut. Das müssen wir gut machen, und das müssen wir auch stemmen können. Wenn man so  will, müssen wir geschickt gleichzeitig Gas geben und bremsen, wie das zwar nicht in der Seefahrt, aber beim Ralleyfahren zum Erfolg führt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte der selbstständige Redakteur Wolfgang Witte.