Im Gespräch mit dem
Vorstand.

Der Vorstand der EWE AG
Wolfgang Mücher, Vorstand Finanzen,
Michael Heidkamp, Vorstand Markt

Unsere großen Chancen werden wir mit beiden Händen ergreifen.

2016 war für EWE ein gutes Jahr und auch in die Zukunft blickt das Unternehmen optimistisch. Warum? Diese Frage beantworten die EWE-Vorstände Wolfgang Mücher und Michael Heidkamp in einem Interview: EWE muss keine Abschreibungen auf Kohle- und Kernkraftwerke verbuchen, das Unternehmen beherrscht mit regenerativer Energieerzeugung, effizienten Netzen, Telekommunikation und IT die Schlüsseltechnologien der Zukunft und hat begonnen, Geschäftsmodelle für die digitalisierte Welt zu entwickeln und zu erproben. Das Interview führte der selbstständige Redakteur Wolfgang Witte.

 

Die erste Frage zielt nicht auf das Geschäftsjahr 2016 und auch nicht auf die Zukunft von EWE, sondern, aus aktuellem Anlass, auf die Gegenwart. Die Freisetzung des Vorstandsvorsitzenden, die Berichte über angebliche Unregelmäßigkeiten, das passt nicht zum Traditionsunternehmen EWE. Was können Sie zum Stand der Dinge sagen?

Wolfgang Mücher:
Herr Witte, da haben Sie völlig recht. Integrität ist etwas, was EWE auf den Leib geschnitten ist. Integrität ist Teil unseres Geschäftserfolgs und wir wissen, dass wir unseren Kunden, unseren Geschäftspartnern, unseren Eigentümern und nicht zuletzt unseren Mitarbeitern diese Integrität schulden. Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst und werden sie vorbehaltlos, mit aller Konsequenz und zügig aufklären. Das tun wir mit unserer Revisions- und unserer Compliance-Abteilung, die zudem durch zwei externe Beratungsunternehmen verstärkt werden.

Für die nächsten Jahre sind wir noch kräftiger und solider aufgestellt.

Wann ist der Vorstand wieder komplett?

Michael Heidkamp:
Das ist eine Entscheidung des Aufsichtsrats. Wir setzen darauf, dass unser Aufsichtsrat in naher Zukunft, aber ohne zeitliche Hast die notwendigen Personalentscheidungen treffen wird. Für Herrn Mücher und mich hat höchste Priorität, dass wir unseren Kunden unsere Dienstleistung ohne jegliche Abstriche in der gewohnten Qualität anbieten. Und uns geht es ebenfalls darum, nach innen zu wirken, um wieder Ruhe ins Unternehmen zu bekommen.

 

Die bedauerlichen Vorfälle haben ein gutes Geschäftsergebnis überlagert. Was sind die Ursachen dieses Erfolgs?

Wolfgang Mücher:

Ja, das Geschäftsjahr 2016 war ein gutes Geschäftsjahr. Unserer Ergebnis ist deutlich besser als das von 2015. Drei Elemente haben dazu wesentlich beigetragen: Erstens haben unsere operativen Einheiten wirklich gut gearbeitet. Unser Erfolg ist also auf die gute Arbeit unserer Mitarbeiter zurückzuführen. Zweitens haben wir 2016 ein normales Wetterjahr gehabt, also nicht so milde Temperaturen wie 2015 und 2014. Und drittens schließlich spiegeln sich in der Bilanz zwei außerordentliche Effekte: der Verkauf der VNG-Anteile und die Neuordnung der Altersversorgung bei swb. So konnten wir für 2016 eine gute Dividende ausschütten und Risikovorsorge betreiben. Für die nächsten Jahre sind wir noch kräftiger und solider aufgestellt.

 

Sie haben eine neue Konzernstrategie verabschiedet. Wie will EWE in der Zukunft erfolgreich sein? Viele Energieunternehmen tun sich bei der Beantwortung dieser Frage schwer.

Wolfgang Mücher:

Die Energiewirtschaft steht vor einer beispiellosen Wende. Die nuklearen und fossilen Großkraftwerke werden sich demnächst vom Markt verabschieden. Dieses Problem berührt uns zum Glück kaum. Wir setzen auf dezentrale und erneuerbare Energien. Und wir setzen auf intelligente Vernetzung und Digitalisierung. Wir legen unseren Schwerpunkt auf die Kundenorientierung und das Kundenerlebnis. Mit Blick auf die Wende der Energiewirtschaft sind wir sehr gut aufgestellt. Wir können im Markt erfolgreich sein. Jetzt gilt es, diese großen Chancen mit beiden Händen zu fassen.

Morgen werden unsere Kunden über Apps das Licht, die Heizung oder intelligente Verkehrslösungen auf Basis der E-Mobilität steuern können.

Was bedeutet das konkret?

Wolfgang Mücher:

Konkret bedeutet das erstens, dass wir all die Dinge, die wir nach unserer Meinung schon in unserem Heimatmarkt, dem Nordwesten, gut machen, deutschlandweit anbieten. Wir werden an der geografischen Ausweitung im Kundengeschäft arbeiten. Konkret bedeutet das zweitens, dass wir unsere Energieprodukte mit unseren Telekommunikations- und IT-Produkten zusammenführen. Im ersten Schritt kann das eine Flatrate für Energie- und Internetanschluss sein. In Zukunft sind wir in der Lage, alles rund um das Haus vollumfänglich anzubieten; wir nähern uns intelligenten Lösungen, die sich zum Beispiel mit den Begriffen Smart Home oder Smart Living verbinden. Drittens bedeutet das konkret, dass wir Glasfaser in jedes Haus legen, um jeden Kunden mit ultraschnellem Internet zu versorgen. Das ist die Voraussetzung dafür, die Digitalisierung leben zu können. Und viertens bedeutet das konkret, dass wir in einer dezentralen Welt nicht alles selber machen, sondern dass wir gemeinsam mit Partnern dem Kunden umfassende Leistungen anbieten und unsere Wertschöpfungskette verlängern. Das demonstrieren wir gerade in einem Projekt mit dem Namen enera. Bei enera geht es vereinfacht darum, dass wir auf einer digitalen Plattform zeigen werden, dass die Netze auch in Echtzeit gesteuert werden können. Das wäre in Deutschland revolutionär und eine Blaupause für das neue Strommarkt-Design.

Wir lernen heute, was der Kunde morgen haben möchte.

Das Stichwort Digitalisierung ist schon gefallen. Die Digitalisierung ist bei der Transformation der Energiewirtschaft ein entscheidender Faktor. Wie ist EWE darauf vorbereitet?

Michael Heidkamp:

Wir haben neben der Energiesparte die große IT-Tochter BTC und mit der EWE TEL die Telekommunikation im Unternehmen. Wir sind das einzige Unternehmen in Deutschland, das alle Ressourcen im Hause hat, um seinen Kunden auf digitaler Basis etwas anzubieten. Wir lernen schrittweise die neuen Arbeitsformen, also agileres Arbeiten, was man der Energiewirtschaft heute nicht unbedingt überall bescheinigen würde. Neben dem enera-Projekt, das ich schon erwähnte, probieren wir weitere Dinge aus. Wir lernen heute, was der Kunde morgen haben möchte. Wir sichten Start-up-Unternehmen und haben selber drei eigene Start-ups gegründet, bei denen es um digitale Geschäftsmodelle geht. Digitale Geschäftsmodelle, das heißt kurz gesagt, dass vollautomatisiert über sogenannte digitale Plattformen Produkte, auch Wechselprodukte, angeboten werden. Das kennen Sie von Check24, nur das werden wir noch besser machen. Und morgen werden unsere Kunden über Apps oder andere Applikationen das Licht, die Heizung oder intelligente Verkehrslösungen auf Basis der E-Mobilität steuern können.

Integrität ist Teil unseres
Geschäftserfolges.

Sie veröffentlichen erstmals keinen klassischen Geschäftsbericht, sondern einen Integrierten Bericht. Warum?

Wolfgang Mücher:

Ja, auch da macht die Modernität nicht halt. Wir möchten uns im Geschäftsbericht moderner und noch zielgruppenorientierter aufstellen. Die Anforderungen unserer Stakeholder an das Berichtswesen wandeln sich. Wir bieten einen komprimierten Finanzbericht mit Zahlen, Daten, Fakten; und darüber hinaus gibt es im Integrierten Bericht Informationen zum Beispiel über die Strategie oder aber über ökologische, ökonomische und gesellschaftspolitische Themen, in die EWE einbezogen ist. Und das ist das, was die Menschen in der Region, die öffentliche Hand, die Aktionäre, die Mitarbeiter oder andere Gruppen aus der Gesellschaft zusätzlich wissen wollen. Wir sind sicher, dass diese Art von Geschäftsbericht eine Vielzahl von Menschen anspricht. Ich glaube, wir gehören zu den Ersten, die in der Energiewirtschaft einen solchen Bericht an den Start bringen. Darauf können wir stolz sein.